Gastbeitrag: „Einmal Astronautin werden“ – Deutschland und Israel fördern gemeinsam den wissenschaftlichen Nachwuchs

Ein Wissenschaftler benötigt viele Eigenschaften – Neugier, Geduld, Durchhaltevermögen – und Träume. Wie zum Beispiel den, die Welt positiv zu verändern. Deutschland und Israel fördern im Rahmen ihrer über 50-jährigen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auch die junge Forschergeneration, etwa in „Summer Schools“ oder mit dem ARCHES-Preis.

Autorin: Ulla Thiede

Rimaa Dschabarin fährt mit dem Zeigefinger über die feine Maserung einer Olivenholzscheibe. Auf dem Bildschirm ihres Laptops sind bunte Kurventabellen. Die 17-jährige Schülerin aus Um El Fachm in Nordisrael hat an einer neuen Methode geforscht, um die Altersbestimmung von Olivenbäumen zu verbessern. Das wäre eine enorme Erleichterung für Archäologen im ganzen Mittelmeerraum, wo Olivenholz seit Jahrtausenden ein bevorzugtes Baumaterial ist. Ihre Ergebnisse hat Dschabarin beim israelischen „Young Scientists and Developers Competition“ des Bloomfield Science Museums Jerusalem eingereicht, und im März 2015 hat sie als eine von 79 Finalisten einen Preis gewonnen. Auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wird sie im Herbst drei Wochen nach Deutschland reisen.

Dschabarin gehört damit zu den jüngsten Teilnehmern der deutsch-israelischen Wissenschaftszusammenarbeit, deren Anfänge bereits in die Zeit vor Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1965 fallen. Das BMBF hat diese Kooperation mit hunderten Millionen Euro gefördert, wobei die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses immer schon eine besondere Rolle spielt. Das gilt für alle Fördersäulen, die über die Jahrzehnte entstanden sind, von der Minerva-Stiftung über die „Interministerielle Forschungskooperation“ und die German Israeli Foundation (GIF) bis hin zur Deutsch-Israelischen Projektförderung (DIP) und der Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft.

Der Genetiker Peter Angel ist am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg der Koordinator für die Zusammenarbeit mit Israel. Der Forscher unterhält seit 1998 Kontakte zu israelischen Kollegen. „Das Weizmann-Institut in Rehovot und die Hebräische Universität in Jerusalem (HUJI) haben viel Expertise in der Krebsforschung und es gibt ein hohes Maß an Komplementarität mit dem, was wir am DKFZ machen“, berichtet Angel. „Es sind extrem engagierte Wissenschaftler, da stimmt die Qualität“, wobei die HUJI auch von den angegliederten Hadassah-Kliniken profitiert.

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Empfang der Gewinner des Young Scientist Competition bei Präsident Rivlin, Foto: Mark Neyman GPO

Die Krebsforschung ist ein Schwerpunkt der Kooperation, die das BMBF und das israelische Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Raumfahrt (MOST/Ministry of Science, Technology and Space) bereits 1973 vereinbarten. Andere Felder der innerministeriellen Zusammenarbeit sind Wassertechnologie, Meeres- und Geowissenschaften sowie die zivile Sicherheitsforschung. Später kamen gemeinsame Projekte des BMBF und des israelischen Ministeriums für Industrie, Handel und Arbeit (MOITAL) hinzu. So organisieren diese beiden Ressorts seit 2012 auch einen Austausch von Auszubildenden.

Angel lobt die „familiäre Atmosphäre“, die etwa in Workshops mit den israelischen Forschern besteht: „Wir präsentieren dort auch unveröffentlichte Ergebnisse“ – angesichts des starken Konkurrenzverhältnisses unter Wissenschaftlern ein wirklicher Vertrauensbeweis. Fünf deutsch-israelische Tandemprojekte werden jährlich von einem Wissenschaftskomitee ausgewählt und für drei Jahre gefördert. Wegen des Erfolgs wurde die jährliche Fördersumme noch einmal um ein Drittel aufgestockt und beträgt künftig knapp 1,5 Millionen Euro. Damit können nun weitere drei Forschungsprojekte pro Jahr finanziert werden, wie Angel erklärt.

„Die Wahl meines Forschungsfeldes war ein Risiko“, hat Aaron Ciechanover einmal erzählt. „Damals war nichts darüber bekannt und man forschte in entgegengesetzte Richtungen.“ Der heute 67-Jährige Mediziner vom Technion in Haifa hat die krebserregenden Mechanismen des Ubiquitin-Proteins entdeckt und dafür 2004 den Chemienobelpreis mit zwei anderen Forschern erhalten. Aber eingestiegen in das Forschungsthema war er schon Ende der 1970er Jahre. Dabei hat er auch immer wieder Geld aus den deutsch-israelischen Fördertöpfen wie GIF, DIP und das DKFZ-MOST-Programm bekommen.

Auch Rimaa Dschabarin hat Großes vor. „Ich träume davon, einmal Astronautin zu werden“, verrät die israelische Araberin am Rande der Präsentation im Finale des „Young Scientist Contest“ in Jerusalem. Der Wettbewerb ist dem deutschen „Jugend Forscht“ vergleichbar und wird seit 18 Jahren vom Bloomfield Science Museum in Jerusalem ausgetragen. Zusammen mit den Preisträgerinnen Noa Chen aus Cholon, die sich mit der Figur der Göttin Aschera in jüdischen Schriften beschäftigte, und Ta‘ili Hardiman aus Jerusalem, die die Ästhetik des Bösen im Film untersuchte, wird Dschabarin im Herbst 2015 eine Rundreise zu deutschen Universitäten unternehmen und sich über Studienmöglichkeiten informieren. Der Aufenthalt ist der Sonderpreis, den das BMBF jährlich an drei Wettbewerbsteilnehmer vergibt.

Verschiedene Formate verfolgen das Ziel, Nachwuchswissenschaftler mit Spitzenforschern zusammenzubringen und den interdisziplinären Austausch auf einem Themengebiet zu fördern. Die erste deutsch-israelische „Battery School (GIBS)“ besteht aktuell aus zwei Symposien, an denen je 25 Doktoranden aus Deutschland und Israel teilnehmen. Da elektrische Energie aus Sonne, Wasser und Wind zwar reichlich vorhanden ist, aber noch nicht ausreichend gespeichert werden kann, müssen neue Batterietypen und –Konzepte entwickelt werden. Das Programm beinhaltet zum Thema Batterie Vorträge verschiedener Experten aus beiden Ländern und bietet ausreichend Raum für gemeinsame Diskussionen. Das erste Symposium fand im Herbst 2014 in Tel Aviv statt. Ein zweites Symposium ist in 2016 in Deutschland geplant. Beteiligt sind unter anderem das MEET Batterieforschungszentrum Münster, die JLU Giessen, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die Universitäten Tel Aviv (TAU), Bar-Ilan und das Technion.

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Empfang der Gewinner des Young Scientist Competition bei Präsident Rivlin, Foto: Mark Neyman GPO

Auch die „German-Israeli Winter-/Summer Schools“ des Projektes DESERVE finanzieren den teilnehmenden Master- und Promotionsstudenten sowie Post-Docs bis zu zweiwöchige Tagungsaufenthalte im deutschsprachigen Raum oder in Israel. Der Meteorologe Pinhas Alpert von der TAU will mittels Mikrowellen, wie sie Smartphones verwenden, die Genauigkeit von Regenvorhersagen um ein Vielfaches verbessern. „Aber ich konnte meine Idee noch nicht umsetzen“, verriet er den Teilnehmern der ersten „DESERVE Winter School“ in Massada im Dezember 2014. DESERVE steht für „Dead Sea Research Venue“ und wird von mehreren Helmholtz-Zentren wie dem KIT koordiniert. Das Projekt, das auch jordanische und palästinensische Wissenschaftler einbindet, untersucht das Wetter, Klimaveränderungen und den Wasserhaushalt am Toten Meer.

Einen Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft unternimmt auch die „Personalisierte Medizin“. Die Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt beginnend mit 2015 einige ausgewählte deutsch-israelische Projekte in einer Pilotphase mit 900.000 Euro. Wie Angel vom DKFZ berichtet, wollen die Forscher die Wirksamkeit von Medikamenten erhöhen, indem sie auch das genetische Profil der Erkrankung berücksichtigen. Verbesserte Therapien sollen nicht nur Krebs bekämpfen, sondern auch bei Alzheimer oder Infektionskrankheiten wie AIDS helfen.

Auch das Startup „SynVaccine“ hat sich der Bekämpfung von AIDS verschrieben. Sein Ziel: Synthetische Impfstoffe im Labor herstellen, die vor unheilbaren Krankheiten schützen. Ein Gründer von „SynVaccine“ ist der Biologe Tamir Tuller von der TAU, der mit seinem Kollegen Richard Neher vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen im Jahr 2012 den ARCHES-Preis für Forschungen um das HI-Virus erhielt. Die mit je 200.000 Euro dotierte Auszeichnung vergibt die Minerva-Stiftung an gemischte Teams aus beiden Ländern, deren Forschungen spürbare Auswirkungen auf ihrem Gebiet versprechen.

„SynVaccine“ ist gleich durchgestartet: Auf der vom BMBF unterstützten „Falling Walls“-Konferenz in Berlin im November 2014 wurde es als „vielversprechende Unternehmensgründung“ gewürdigt. „Viele haben Angst zu träumen“, hat die Schülerin Dschabarin beobachtet. Ihr soll das nicht passieren.

2015-06-01T18:44:56+00:00June 1st, 2015|Internationale Zusammenarbeit|0 Comments