Israelische Firma setzt große Hoffnungen in neuartigen krebszerstörenden Wirkstoff

Über Jahre suchten Wissenschaftler nach Wegen, Angiogenese abzublocken, den Prozess, durch den krebsartige Tumore chemische Signale abgeben, die die Formation neuer Blutgefäße stimulieren, welche sie wiederum mit wachstumsrelevanten Nährstoffen sowie mit Sauerstoff versorgen.

Angiogenese-Hemmer gelten heute als Standardtherapie gegen viele Krebsarten, einschließlich Darm-, Gehirn-, Lungen- und Leberkrebs.

Wissenschaftler suchen dennoch weiter nach effektiveren Medikamenten mit weniger Nebenwirkungen. Sollten sie mit der Methode, direkt auf die Blutgefäße zu zielen, Erfolg haben, wären Patienten in der Lage mit Krebs zu leben, so wie HIV-Patienten bereits heute mit dem Virus leben.

Die israelische Firma Vascular Biogenics Ltd. (kurz: VBL) glaubt eine Methode gefunden zu haben, die auf die Blutgefäße abzielt und ihr Wachstum hemmt.

“Tumoren sind smart”, sagt der CEO der Firma Dror Harats in einem Interview in Tel Aviv. “Sie haben 20 Agenten, die sie absondern können, um den Aufbau neuer Blutgefäße zu stimulieren. Deshalb wäre der Versuch, nur einen oder zwei dieser Faktoren abzublocken, nicht ausreichend potent. Wir suchten einen anderen Weg – sobald der Tumor versucht, neue Gefäße aufzubauen, aktivieren wir ein tödliches Gen, das lediglich die angiogenetischen Blutzellen attackiert.”

Harats, Professor an der Tel Aviv University und Doktor am Sheba Medical Center in Ramat Gan, gründete im Jahr 2000 die Firma, die seitdem Anti-Krebs-Gentherapien entwickelt. Ihr Leitprodukt, das Medikament VB-111, zielt auf die sogenannte Glioblastoma multiforme, eine aggressive und schwer zu behandelnde Art von Gehirntumor.

“Diese Art von Gehirntumor ist tödlich, und es gibt keine Behandlung”, sagt Harats. “Hier bei VBL haben wir einen genetischen Motor gefunden, der die destruktiven Gene den Blutgefäßen zuordnen und so ihre Entwicklung unterbrechen kann.”

Alle Säugetier-DNA, so erklärt Harats weiter, besitze kontrollierende Elemente – der Ausdruck jedes DNA-generierten Proteins werde durch einen “genetischen Motor” reguliert, Beschleuniger genannt, der bestimme, wann und wo das Protein gemacht wird. Am Beispiel von Mäusen fanden Forscher von VBL heraus, dass ein bestimmter Teil dieses Motors jedem anderen Gen zugeordnet werden kann und er den Ausdruck dieses Gens nur in den angiogenetischen Blutzellen bestimmen kann.

“Ich kann die giftigsten Gene in diesen speziellen Motor einspannen, und der Motor wird sie dann lediglich gegen die angiogenetischen Blutzellen einsetzen”, sagt Harats, während er erklärt, dass Blutzellen bei Erwachsenen bereits vollständig entwickelt seien. Jede vom genetischen Motor zerstörte angiogenetische Zelle sei also eine neue Zelle, darauf aus, die Krebszellen zu füttern. Doch nicht nur das – da das VB-111-Produkt kreiert wurde, indem man ein herkömmliches Erkältungsvirus so manipulierte, dass des sowohl den Beförderer, als auch das tödliche Gen in sich einbegreift –: das Immunsystem scheint den Virus innerhalb seines Tumor-Settings zu erkennen und entsprechend zu bekämpfen.

“Wir töten nicht einfach nur Blutzellen ab”, sagt Harats. “Wir konfrontieren den Tumor auch mit dem Immunsystem – das Immunsystem erkennt den Virus-belasteten Tumor und macht sich daran, sowohl den Virus, als auch den Tumor zu bekämpfen. Mit unserem Medikament töten wir Blutzellen, doch wir bringen auch das Immunsystem zum Tumor.”

Die Ergebnisse einer Nachfolgestudie zur Effizienz von VB-111, die im Vorjahr veröffentlicht wurde, zeigte, dass mit dieser Droge behandelte Patienten, in Kombination mit einem anderen Medikament Avastin, eine Gesamt-Überlebensrate von 59 Wochen erreichten, verglichen mit den 32 Wochen die ansonsten Patienten mit nur bedingten Zugang zu VB-111 erreichten sowie jene, die lediglich Avastin erhielten, ebenfalls ein angiogenetischer Hemmstoff. Die Studie zeigte außerdem, dass VB-111 bei Patienten eine Immunreaktion auslöst. Die Firma rekrutiert derzeit Patienten für ihre langerwartete und entscheidende dritte klinische Versuchsreihe, genannt GLOBE-Versuche, wo die Behandlung von Gehirntumoren getestet werden soll. Erste, provisorische Ergebnisse dieser Versuchsreihe werden Mitte 2017 erwartet.

Lesen Sie den gesamten Artikel von der Journalistin Shoshanna Solomon auf Englisch hier auf timesofisrael.com.