Rawabi – von der Planstadt zum Wirtschaftsmotor

Überall in der Welt, aber besonders in Nah- und Fernost schießen neue Städte aus dem Boden wie Steinrosen nach dem Regen. Laut Wirtschaftsmagazin Forbes, entstehen gegenwärtig allein in Indonesien, Kuwait und Marokko 50 neue Städte, insgesamt bauen 40 Länder neue Metropolen. Südkorea hat Songdo aus dem Boden gestampft, Oman baute den Koloss Duqm und das von Katar gegenfinanzierte Hochglanzprojekt Rawabi in Palästina tut es seinen Vorbildern gleich. Forbes beziffert ein Investitionsvolumen von einer Trillion Dollar für Zukunftsprojekte dieser Art.

Die Frage, die sich bei dieser Entwicklung aufzwängt: Warum wird das gemacht und was steckt dahinter?

Für Bewohner des alten Europas, in dem die Geburtenraten rückläufig sind, sorgt solch eine Bauexplosion sicher eher für Verwunderung. Für die aufstrebenden Nationen mit wachsenden Bevölkerungszahlen und extremen Bevölkerungsdichten oder Landgewinnung ist diese Infrastrukturverbesserung ein volkswirtschaftliches Muss, welches aber wiederum zu anderen Abhängigkeiten oder Engpässen führt. Allein der Sand, der für solche Vorhaben benötigt wird, ist heute bereits Mangelware und wird von Baulöwen wie ein Augapfel gehütet und von Ländern für den Export gesperrt.

Rawabi in Palästina wurde nur ganze 10 km entfernt vom palästinensischen Verwaltungszentrum Ramallah und 25 km von Jerusalem und dem alten Wirtschaftszentrum Nablus errichtet. Es ist nicht nur ein Symbol für die neue Wirtschaftselite in Palästina, denn Multimillionär und Unternehmer Bashar Masri ist Initiator des Projektes, das höhere Lebensqualität für harte Dollar bietet und Konkurrenz zu bestehenden Machtgefügen in Ramallah ist. Gleichzeitig ist Rawabi auch politisches Symbol für einen Neuanfang: Wirtschaft und Konsum, Unternehmertum anstelle von Terror und Stillstand, eine Lebenseinstellung, die Masri gern bewirbt und zum Teil dafür heftige Kritik aus den eigenen Reihen bekommt.

Rawabi wurde auf rein palästinensisch verwaltetem Gebiet (Area A) auf 630 Hektar gebaut und soll Platz für 25 000 bis 40 000 Einwohner bieten und laut dem israelischem Wirtschaftsmagazin Globes vor allem palästinensische gutausgebildete Jungunternehmer der oberen Mittelklasse ein Wohn- und Arbeitsumfeld geben, das sich mit anderen Großstädten der Welt messen kann und sich dennoch unterhalb der gängigen Immobilienpreise von Ramallah bewegt. Damit wird letztendlich auch die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte eingedämmt und Kapital im Land gebunden.

Rawabi soll nicht nur erste Modellstadt und Wohnadresse für Komfort sein, sondern auch der  Startup Hill der Palästinenser. Zusammen mit dem Techlab RTI Carolina in Amerika wurde dafür bereits bei der Planung auch eine Beschäftigungsstrategie entwickelt. Darüber hinaus bringt Masri regelmäßig potentielle Investoren in die Planstadt mit dem Luxus-Ambiente, um Jungunternehmern die Möglichkeit zu geben, sich im Vorfeld über die Ansprüche des internationalen Marktes zu informieren und darauf zuzuarbeiten. Zuletzt besuchte der JVP Play Fund unter der Leitung des früheren israelischen Knesset-Abgeordneten Erel Margalit das Connect Viertel in Rawabi, in dem sich die palästinensischen Entrepreneure und ihre Firmen angesiedelt haben. Der Fund ist eine Kooperation mit den britischen Tesco-Tech-Forschungslaboren, der nun mögliche Kooperationen mit palästinensischen Jungunternehmern prüft.

„Wir sind nur die Plattform, wir bieten die Infrastruktur, jetzt hängt es davon ab, was sie kreieren. Wir stellen die Verbindungen her“ sagt Bashar Masri und bezieht sich damit auf den jungen professionellen Mittelstand und Talenteschmiede in Rawabi, die Masris Vision von der Modellstadt als wirtschaftliches Powerhouse mitgestalten wollen. Bereits 4000 junge Menschen sind in die Masterplanstadt gezogen, deren Hauptzufahrtsstraße unter israelischer Kontrolle liegt, und somit die Mobilität doch einschränkt. Margalit und Masri sind sich trotz der Steine, die sowohl palästinensische als auch israelische Behörden der Projektstadt in den Weg legen, einig: „Business baut Brücken, die Politiker nicht kreieren können.“

Megastädte werden also heute nicht nur aus Platzgründen gebaut. Es geht um eine Positionierung des Landes auf dem Weltmarkt, um Prestige, um Neudefinierung als Marktstandort, um Ideenverbreitung, um Geld, das gewinnbringend investiert werden möchte, und manchmal vor allem um geopolitische Gründe oder einfach „Facts on the Ground.“

 

 

2018-06-18T14:18:04+00:00June 18th, 2018|Wirtschaft und Konjunktur|0 Comments